Sommer, Sonne, Antifa: Oben-Ohne?

Wir hoffen natürlich auf ein Camp mit gutem Wetter. Häufig stellt sich im Sommer die Frage: Wie umgehen mit der Hitze? Da liegt es doch nahe, einfach das T-shirt auszuziehen? Einfach ist das allerdings bei weitem nicht für alle Menschen. Weiter unten möchten wir kurz erklären, warum wir uns wünschen, dass auf dem Camp nicht oberkörperfrei rumgelaufen wird. Das gilt vor allem für Essensbereich, Bar, Plena, Sport und Workshopzelte.

Wir bitten alle Campteilnehmer_innen, ihre T-Shirts anzulassen und – wenn sie sich dazu in der Lage fühlen – andere kritisch anzusprechen, die dies nicht tun. Zwar wird es auf dem Camp eine Awareness-Struktur geben, der Arbeitsaufwand jede einzelne oberkörperfreie Person anzusprechen würde jedoch die Zeit für komplexere Unterstützungsarbeit rauben. Daher wünschen wir uns, dass sich alle auf dem Camp für das Thema Oben-Ohne verantwortlich fühlen.

Was ein unbekleideter Oberkörper mit Privilegien und Solidarisierung zu tun hat
(Der folgende Text ist leicht abgewandelt vom Klimacamp im Rheinland 2016 übernommen)

Vielen ist nicht bewusst, dass das Bild von männlichen* nackten Oberkörpern gesellschaftlich normalisiert ist, wohingegen weibliche* nackte Oberkörper den öffentlichen Raum allein in sexualisierter Form prägen.
Die Körper von Frauen*, Trans* und Inter* werden häufig gesellschaftlich objektiviert und sexualisiert, weshalb sie nicht einfach ihr T-Shirt ausziehen können. Gerade wenn Körper nicht den gängigen Schönheits- und Geschlechternormen entsprechen, ist Nacktheit ein gesellschaftliches Tabu. Von Sexismus betroffene Menschen, die trotzdem „oben ohne“ rumlaufen, werden dabei durch Blicke, Kommentare und andere Grenzüberschreitungen bewertet und zurechtgewiesen.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der sexualisierte Gewalt kein Einzelphänomen, sondern gesellschaftliche Realität ist. So können männliche* nackte Oberkörper Erinnerungen an Gewalterfahrungen auslösen und sehr unangenehm und belastend sein.
Natürlich kann ein unbekleideter Oberkörper andersherum auch als emanzipativer Akt verstanden werden, um sich den gesellschaftlichen Normen und Bildern zu widersetzen und einen neuen Umgang mit Nacktheit zu gewinnen. Dies ist aber ein langer Prozess, der nicht von allen erwartet werden kann. Uns ist deshalb wichtig, dass Menschen selbst entscheiden können, wann und ob sie unbekleideten Menschen begegnen.

Auch wenn wir für eine andere, „bessere“ Welt kämpfen, sind wir doch in dieser Gesellschaft mit ihren heteronormativen Schönheitsidealen und ihrer sexualisierten Gewaltkultur sozialisiert.
Wir wünschen uns das Camp als einen Ort, an dem wir uns mit Privilegien und Herrschaftsmechanismen auseinander setzen, Alternativen ausprobieren und experimentieren können. Doch auch hier müssen wir unsere Grenzen, und vor allem auch die Grenzen anderer (an)erkennen, zumal wir für eine begrenzte Zeit auf relativ begrenztem Raum zusammen leben. Das heißt, dieses Camp ist nicht die für alle gelebte Utopie, sondern ein Weg dorthin.

Deswegen haben wir den Wunsch, dass Menschen während des Camps ihr T-Shirt anbehalten und wir gemeinsam schwitzen.